Fairness in der Wirtschaft

Fairness in der Wirtschaft. Das Dilemma zwischen Leistungs- und Fairnessregeln bleibt jedoch keineswegs auf den grünen Rasen beschränkt. Im Gegenteil, während man sich in den sportlichen Systemen wenigstens noch darum bemüht, faires Verhalten als festen Bestandteil des eigenverantwortlichen Handelns von Spielern, Trainern und Zuschauern zu etablieren, sieht das anderswo ganz anders aus. Nämlich dann, wenn vom Einzelnen selbst nicht anderes verlangt wird als der Erfolg. Wenn die Verantwortung quasi outgesourct wird. Wenn der Schiedsrichter der Einzige ist, der der absoluten Erfolgsorientierung Einhalt gebieten soll.

Dieser Logik folgt insbesondere unser wirtschaftliches System. Auch hier herrschen Wettbewerb und absolute Erfolgsorientierung. Für Fairness sorgt der Markt. Punkt. Eine Vorstellung, die unseren anderen beiden großen Systemen – Demokratie und Marktwirtschaft – die eine oder andere Sorge bereitet.

Denn während in der Marktwirtschaft alles seinen Preis hat – selbst der Mensch –, so glauben aufrechte Demokraten und von der Idee menschlicher Würde und Rechte Beseelte, dass unsere Humanität niemals dem schnöden Mammon zum Opfer fallen darf. Wenn es um mehr geht als um Skat, das Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Fußball, wenn statt der schönsten Nebensachen, die Hauptsachen auf der Tagesordnung stehen, dann werden Normen und Regeln, die heute noch entlasten, morgen schnell zur Ausrede:

  • Wenn Unternehmen aus unserem Kulturkreis in Ländern Geschäfte machen, die nachweislich gegen die Menschenrechte verstoßen, dann reicht es nicht, die Logik der Blutgrätsche zu bemühen.
  • Wenn ein Unternehmen wie das amerikanische Internetportal Yahoo die Daten einiger seiner Kunden – allesamt Regimekritiker – dem chinesischen Regime mit dem Hinweis zur Verfügung stellt, man halte sich lediglich an die dortigen Landesgesetze, dann ist die Grenze zum fairen Foul überschritten.
  • Wenn der Vorstandsvorsitzenden eines deutschen DAX-30-Unternehmens sinngemäß zum Besten gibt: „Ob Dalai Lama oder Fidel Castro, Hauptsache, die kaufen meine Produkte.“ Oder wenn ein anderer Vorstand die Marktwirtschaft einfach zur Bedingung von Demokratie und Menschenrechten (v)erklärt, dann wird deutlich, dass ein erbitterter Streit zwischen den unterschiedlichen Systemen um die Deutungshoheit ihrer Regeln entbrannt ist.

Erst das Fressen, dann die Moral? Erst der Erfolg, dann die Würde? Oder umgekehrt?

Solange gesellschaftliche Systeme und ihren Regeln Anspruch auf Gültigkeit haben, weiß jeder, was er zu tun und was er zu lassen hat. In dem Moment jedoch, wo dieser Anspruch jedoch keine Grenzen mehr kennt und globale Gültigkeit beansprucht, wie es Marktwirtschaft, Demokratie und Menschenrechte tun, weiß plötzlich niemand mehr, was er tun oder lassen soll. Dann streiten sich Henne und Ei, wer zuerst kommt: erst Menschenrechte und Demokratie, dann die Marktwirtschaft oder umgekehrt? Erfolg trotz oder wegen Menschenrechten und Demokratie?

Auf einmal haben wir zwei, die uns auf die Schulter klopfen: diejenigen, die unseren Erfolgskurs loben, und diejenigen, die uns fragen, auf welche Weise dieser zustande gekommen ist. Diejenigen, die ein taktisches Foul zur rechten Zeit zu schätzen wissen, und diejenigen, für die ein faires Foul eine Unmöglichkeit darstellt.

Und ganz plötzlich haben wir es mit einer sehr grundlegenden Frage zu tun. Eine, die weit über Gijón und unsere heimischen Fußballplätze hinausreicht. Der Frage nämlich, wie viel Verantwortung man dem Einzelnen in einem System zumuten darf und wie viel man ihm zumuten sollte. Der Frage, ob wir nicht nur Verantwortung gegenüber sondern auch für Normen und Regeln tragen.

Das Leben ist mehr als ein Fußballspiel. Abseits des Rasens sollten wir darüber nachdenken, wo wir Verbundenheit herstellen zwischen der Entlastung, die sich uns bietet, wenn wir Regeln befolgen, und dem Mut, den es braucht, uns für vernünftigere Regeln einzusetzen und gegen unvernünftige zu wehren.

Dass es dabei nicht immer ausreicht, auf Landesgesetze zu verweisen, hat nicht nur der amerikanische Spieler Yahoo erfahren müssen. Von ihm und anderen wird erwartet, dass er sich auch dann fair verhält, wenn der Schiedsrichter nach anderen als den von uns als vernünftig akzeptierten Regeln pfeift. Eine Blutgrätsche bleibt eine Blutgrätsche, auch wenn der Schiri eine Pfeife ist! Die Würde des Menschen ist unantastbar – Erfolg hin, Erfolg her. Und schon sitzen wir zwischen den Stühlen …

Finanzkrise

Josef Wieland, Peter Ulrich und Karl Homann sind Vertreter drei unterschiedlicher Ausrichtungen von Wirtschaftsethik. Einigkeit besteht zwischen ihnen darüber, dass wirtschaftliche und gesellschaftliche – beispielsweise ökologische, soziale und menschenrechtliche – Normen miteinander im Austausch stehen und stehen sollten. Welche Verantwortung dies jedoch wirtschaftlich handelnden Menschen auferlegt, darüber besteht alles, nur keine Einigkeit:

  • Verantwortung beim Einzelnen. Peter Ulrich vertritt die Auffassung, dass zivilgesellschaftliche Normen wie die genannten einen höheren Rang einnehmen als ökonomische Wertvorstellungen. Er sieht unsere Verantwortung darin, das eigene Handeln und die uns umgebenen Rahmenbedingungen ständig zu hinterfragen: Inwieweit tragen sie zu einer humaneren Gesellschaft bei?

Josef Wieland und Karl Homann misstrauen dagegen der menschlichen Fähigkeit, gegenüber der absoluten Erfolgsorientierung der Wirtschaft Haltung zu bewahren und im Zweifel auf ein gutes Geschäft zu verzichten.

  • Verantwortung beim Regelsystem. Für Homann ist die Erziehung von Menschen hin zu mehr Selbstverantwortung schlicht verschwendete Zeit, die wir lieber in die Ausgestaltung vernünftiger Regelwerke investieren sollten, als an die Charakterbildung eines foulenden Spielers wie Yahoo zu appellieren.
  • Verantwortung beim Unternehmen. Wieland wiederum sieht weder ausschließlich die einzelnen Spieler in der Verantwortung, noch exklusiv die Schiedsrichter. Vielmehr sei es die Pflicht der Mannschaft, ein gleichermaßen erfolgreiches und faires Spiel zu gewährleisten.

Eines der wohl unerfolgreichsten und unfairsten Spiele der letzten hundert Jahre hat 2008 zwar ein jähes Ende gefunden, aber es gefährdet nach wie vor den gesamten Spielbetrieb: die weltweite Finanzkrise. Zumutung und enttäuschte Erwartung zugleich. Und das Erstaunliche ist: Kein Spieler, keine Mannschaft und kein Schiedsrichter ist bereit, Verantwortung für das Desaster zu übernehmen. Trotz nicht zu übersehender Folgen wie flächendeckenden Insolvenzen, massenhafter Arbeitslosigkeit und horrender Staatsverschuldung sind keine Verantwortlichen in Sicht. Niemand will es gewesen sein.

Gut, Alain Greenspan, der ehemalige Chef der amerikanischen Notenbank hat Fehler eingeräumt, und Stefan Ortseifen, der Vorstand der IKB-Bank, muss sich wider Willen sogar vor Gericht verantworten. Doch Ausnahmen bestätigen bekanntermaßen die Regel. Und so führt der Versuch, Verantwortung zu personalisieren, eher ins Leere. Viele Folgen, aber keine Ursachen weit und breit. Das Einzige, was übrigbleibt, ist ein anonymes und reparaturbedürftiges System namens Marktwirtschaft, das todkrank auf der Intensivstation liegt und darauf wartet, wieder zu Kräften zu kommen.

Wir haben keine Zeit zu verlieren, denn so dämonisch uns unser Wirtschaftssystem bisweilen erscheinen mag, es ist keine ernsthafte Alternative in Sicht. Bei aller Eile sollten wir uns genug Zeit nehmen, ernsthaft zu überlegen, welche Kräfte zukünftig in der Marktwirtschaft wirken sollten. Denn dass der Patient mit seinen Kräften zukünftig haushalten sollte, darüber besteht kein Zweifel mehr. Weniger Selbstzerstörung und mehr gelebte Verantwortung wären wünschenswerte Therapieziele. Einstehen können sowohl im Erfolg als auch im Misserfolg, das wär doch was.

Es ist schon paradox: Im Erfolg hat Verantwortung viele strahlende Gesichter, wenn alles zusammenbricht, will es keiner gewesen sein. Siegerlächeln auf Titelblättern, üppige Boni für die Vorzeigemanager und Loblieder auf marktfreundliche Regierungen. Doch wehe, wenn das Pendel in Richtung Misserfolg ausschlägt! Dann verschwinden die Gesichter, dann ist plötzlich keiner mehr da. Dann machen sich alle rar. Dann liegen die Fehler wieder im System, oder das System selbst wird zum Fehler.

Das gute alte Täter-Opfer-Schema passt nicht mehr. Plötzlich sind alle Opfer. Der, der seinen Arbeitsplatz verliert, weil ein anderer per Knopfdruck Milliardendeals rund um den Globus einfädelt, genauso wie diejenigen, die gegen eine fünfzehnprozentige Verzinsung ihrer privaten Altersversorgung nichts einzuwenden hatten und nun in existenziellen Nöten stecken. Vom Fabrikarbeiter bis zum Vorstand, alles Opfer des Systems.

Ein System jedoch, das nur Opfer produziert, aber keine Verantwortung mehr ermöglicht, ist kein besonders erstrebenswertes System. Darüber dürfte Einigkeit herrschen – unabhängig davon, ob wir die Verantwortung im Sinne der Herren Ulrich, Wieland und Homann eher im Regelwerk, beim Unternehmen oder beim Einzelnen vermuten.

Was wir wohl dringender benötigen als ein Entweder-Oder ist ein Sowohl-als-Auch. Eine Werte-Architektur, die alle drei Perspektiven umfasst: die dem Einzelnen etwas zutraut, ihm aber nicht zu viel zumutet, die ihn zur Courage verpflichtet, aber keine Heldentaten erwartet. Und ein System, in dem sich der Einzelne auf vernünftige und durchsetzungsfähige Regeln verlassen kann. Egal, ob in Wirtschaft, Politik, Medien oder Gesellschaft: Die Kunst besteht darin, unser Zusammenleben so zu organisieren, dass Verantwortung zurechenbar bleibt.

Um es noch einmal zu verdeutlichen: Es ist nicht verantwortungslos, üppige Boni einzustreichen, wenn die Leistung stimmt und die sozialen Kosten gering sind. Es ist jedoch verantwortungslos, das Risiko zu scheuen und nicht mit Mali bestraft zu werden, wenn die Leistung nicht stimmt und die Kosten die anderen tragen. Chancenfreiheit? Immer gerne, aber ebenso Risikoverantwortung.

Amsterdam

In den 1990-er Jahren startete die Stadt Amsterdam ein interessantes Projekt: Sie stellte ihren Bürgern unentgeltlich Fahrräder zur Verfügung, ohne Schloss, nur mit der Bitte, diese doch wieder abzustellen, sobald man sie nicht mehr bräuchte. Einige Wochen später lag die eine Hälfte der schönen Hollandräder zerstört in den Grachten, und die andere Hälfte wurde auf Flohmärkten zum Verkauf angeboten.

Die bloße Hoffnung auf die verantwortungsvolle Haltung eines jeden reicht also offenbar nicht aus, um Idealen zur Durchsetzung zu verhelfen. Vertrauen ist gut, Kontrolle aber auch, und Strafe ist die Ultima Ratio. Denn schon wenige Ausrutscher reichen, um eine schöne Idee in reale Frustration zu verwandeln.

Ideen und Ideale sind in höchstem Maße schutzbedürftig. Ständig sind sie bedroht von unseren natürlichen Motiven. Die drei wohl bekanntesten lauten:

  1. Wenn wir es nicht tun, dann tun es andere.
  2. Wir machen nichts, weil auch andere etwas tun könnten. Und:
  3. Wir fahren auf dem Trittbrett, solange uns keiner auf die Füße tritt.

Das ist unsere Natur. Wir nehmen mit, was wir kriegen können, bevor es andere bekommen. Wir stehen dabei, warten, bis andere etwas tun, und wir sparen unser Geld, solange sich genügend andere finden, die das ihre ausgeben. Ist doch nur menschlich!

Ein fauler Apfel – und schon bricht der ganze Baum zusammen. Ein schwarzes Schaf – und schon färbt sich die ganze Herde grau ein. Aus Diskussionen über die Verfehlungen Einzelner werden Klagen über das Versagen von Institutionen, und schließlich steht das ganze System am Pranger. Ackermann, Siemens und die Finanzkrise lassen grüßen.

Eine Handvoll Barbaren, denen ihr Geldbeutel und ihr Spaß an der Zerstörung mehr bedeutet als die nächste Fahrradtour, zerstören im Handumdrehen die Hoffnung, dass dem Menschen an mehr gelegen sein möge als an seinem eigenen unmittelbaren Vorteil. Die Natur ist stärker, sie ist urwüchsiger und rückt der Kultur ständig zu Leibe. Je einfacher es uns gemacht wird, die Folgen unseres Handelns für andere zu vernachlässigen, je einfacher es ist, nicht einstehen zu müssen und andere die Zeche zahlen zu lassen, desto eher werden die natürlichen Kräfte überhand gewinnen und mit spöttischem Blick auf die ehrlichen Dummen herabblicken.

Umso gesichtsloser die Folgen des eigenen Handelns erscheinen, umso geheiligter werden die Mittel, die wir anwenden und desto unreflektierter wird der Zweck, der diesen zugrunde liegt. Was Verantwortung demnach zu allererst braucht, ist ein konkretes Gegenüber, die Möglichkeit, den Auswirkungen des jeweiligen Handelns ein Gesicht zu geben.

Wenn uns wirklich an mehr Verantwortung gelegen ist, wenn es tatsächlich heißen soll:

  • Wir überlegen uns, ob wir etwas tun wollen, egal, ob andere es tun.
  • Wir greifen ein, egal, ob andere danebenstehen.
  • Wir beteiligen uns aus freien Stücken, ob andere eine Beteiligung einfordern oder nicht.

Dann müssen wir dieser Verantwortung ein Gesicht geben, ein leuchtendes Antlitz.

Charakterbildung

Da haben wir sie, die Ziele einer gelungenen Charakterbildung. Vielleicht sollten wir vor diesem Hintergrund noch einmal ernsthaft über unseren Bildungsbegriff nachdenken. Das sind wir uns und anderen schuldig. Denn dass Bildung ein vorrangiges gesellschaftspolitisches Ziel ist, darüber sind sich ja die meisten Menschen durchaus einig. Aber was Bildung eigentlich bedeuten soll, darüber wird erbittert gestritten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass wohl kein gesellschaftliches Thema so anfällig für ideologische Standpunkte ist wie die Bildung. Der Streit um die pädagogische Deutungshoheit beherrscht den gesellschaftlichen Diskurs. Kein Wunder. Wer von der Veränderung der Gesellschaft träumt, der sollte da beginnen, wo sich noch eingreifen lässt in den Charakter und seine Bildung, je früher, desto besser – bei den Kindern. Dann, wenn noch Hoffnung besteht und nicht schon Hopfen und Malz verloren ist. Da, wo unser Wunsch auf eine bessere Zukunft auf die projiziert wird, die sich noch formen lassen oder denen eben diese Formung erspart bleiben soll. Da, wo die einen fröhlich singend Herbert Grönemeyer folgen und sich Kinder an die Macht wünschen und andere solche kindlichen Fantasien in Grund und Boden lachen. Wir sollten in der Erziehung beginnen, sei es zu Hause, im Kindergarten, in den Schulen oder den Universitäten. Überall dort, wo der Bildungsauftrag wartet.

Wenn uns daran gelegen ist, das Verhältnis zwischen charakterlosen und charakterstarken Menschen zugunsten Letzterer zu verändern, dann brauchen wir mehr Charakterbildung. Dann müssen wir die Rahmenbedingung dafür schaffen, dass mehr Menschen die Möglichkeit haben, Erfahrungen zu sammeln, Erkenntnisse zu gewinnen und sich der Mühe unterziehen, über sich, ihre Mitmenschen und die Welt, in der sie leben, nachzudenken und ihre Schlüsse daraus zu ziehen. Zu ihrem eigenen Wohl und dem ihrer Mitmenschen. Wir brauchen Menschen, die den Verstand haben, vernünftige Regeln für ein menschenwürdiges Miteinander zu finden, den Mut aufbringen, für diese zu streiten, sobald sie auf dem Spiel stehen und den Charakter, mit gutem Beispiel voranzugehen. Menschen, die bereit sind, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen.

Das wäre ein schönes Ziel, und wir könnten endlich damit aufhören, uns Kinder an die Macht zu wünschen und davon zu träumen, uns von ihnen in Grund und Boden lachen zu lassen. Es gibt eben Gut und Böse, es gibt eben Schwarz und Weiß, es gibt eben Rechte und Pflichten, und mit Erdbeereis auf Lebenszeit – wie es sich Herbert Grönemeyer wünscht – kommen wir auf Dauer auch nicht weiter.

Anstatt der Trübsal ein Ende zu bereiten, indem wir in infantiler Romantik schwelgen (und damit sind ausdrücklich nicht die Kinder gemeint) oder schnelle und schlichte Antworten für komplexe Fragen aus dem Hut zaubern, würde uns selbst ein wenig mehr Anstrengung beim Nachdenken gut tun, bevor wir unsere Verantwortung einfach an unsere Kinder delegieren. Nachdenken beginnt nicht mit einer Antwort, sondern immer mit Fragen. Ernsthaften, ehrlichen und mutigen Fragen. Und da fängt man am besten bei sich selbst an. Das hätte Charakter! Also dann. Was bin ich mir, was meinen Mitmenschen schuldig? Hier ein kleiner Charaktertest, wenn Sie mögen.

Kleiner Charaktertest

Erfahren Sie in diesem Charaktertest schnell mehr über sich. Einfach folgende Fragen beantworten:

  • Wie lange ist es her, dass Sie sich entschuldigt haben?
  • Wann haben Sie das letzte Mal etwas ausdrücklich auf Ihre Kappe genommen?
  • Wenn Sie kritisiert werden, was schätzen Sie, wie viel Zeit vergeht, bis Sie Ihrem Kritiker ins Wort fallen und zur Rechtfertigung oder zum Gegenangriff ausholen?
  • Was war Ihre letzte gute Tat?
  • Wann haben Sie letztmalig gegen Ihre Prinzipien verstoßen? Warum? Waren Sie mit Ihrer Entscheidung im Nachhinein zufrieden?
  • Wann haben Sie das letzte Mal aufbegehrt und wogegen?
  • Fühlen Sie sich manchmal getrieben? Wenn ja, warum ändern Sie nichts daran? Wenn nein, wie machen Sie das?
  • Wenn die Kommunikation mit Ihren Mitmenschen misslingt, wissen Sie, worin Ihr Anteil an diesem Misslingen besteht?
  • Von welchen drei Überzeugungen würden Sie sich niemals verabschieden?
  • Wer hat Sie zuletzt überzeugt und womit?

Klugscheisser

„Ich weiß, dass ich nicht weiß“, lautet ein geflügeltes Wort, das dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben wird. Man kann ihn durchaus als die größte Nervensäge der Antike bezeichnen: immer auf der Suche nach jemandem, der meint, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, immer hellwach. Stets mit Fragen bewaffnet, um seinen mit klugen Antworten ausgestatteten Gesprächspartner jede Gewissheit zu nehmen. Jede? Nun eine einzige Gewissheit durften seine von Fragen gepeinigten Zeitgenossen zum Nachdenken mit nach Hause nehmen: zu wissen, dass sie nichts wissen. Nicht wenige Menschen dürften heimliche Freude darüber empfunden haben, als Sokrates der todbringende Schierlingsbecher gereicht wurde. Endlich waren die lästigen Fragestunden beendet. Endlich konnten sich die Bürger der griechischen Polis wieder unbelästigt und ungehemmt der Klugscheißerei und dem gepflegten Halbwissen widmen.

Doch der Stachel saß tief. Sokrates hatte zwar das Zeitliche gesegnet, doch seine bedingungslose Liebe zur Wahrheit hatte ihren Siegeszug gerade erst begonnen. Das Fundament war gelegt, und die heiteren, bisweilen höchst anstrengenden Fragestunden im Haus der Philosophie reißen bis heute nicht ab. Wir fragen uns nach wie vor, was wir wissen können, was wir tun sollen, was wir hoffen dürfen und was wir eigentlich sind, wir Geschöpfe, die sich Menschen nennen.

Lassen Sie uns einmal einen Blick auf die uns zur Verfügung stehende Welt werfen und darüber nachdenken, was wir wissen sollten, um uns in ihr verantwortlich zurechtzufinden. Wir wollen ja teilnehmen an dieser Welt und sie nicht aus sicherer Entfernung weitestgehend teilnahmslos beobachten. Wir sollten nicht ängstlich durch den Spion in unserer Tür auf die Gefahren blicken, sondern mutig und vernünftig mit den tagtäglichen Herausforderungen umgehen. Dafür kann und sollte man Folgendes wissen:

  • Die Welt ist in einer ständigen Veränderung begriffen.
  • Die Reichweite an Informationen und Wissen wächst stetig.
  • Die Vernetzung der Welt und ihrer Menschen nimmt immer stärker zu.
  • Die Fähigkeit, mit der Verschiedenheit von Menschen und Kulturen umgehen zu können, wird mehr und mehr erweitert.
  • Kurz: Die Komplexität der Welt wird größer und im selben Umfang steigt unsere Verantwortung.
  • Wer in der Welt zurechtkommen und im besten Fall Verantwortung übernehmen möchte, der sollte ein Gefühl dafür entwickeln, wie sie tickt, diese Welt. Wir müssen die Welt, in der wir leben, verstehen wollen und sie uns aneignen, um unseren individuellen Weg in ihr zu finden. Das kostet bisweilen Mühe, aber das muss es auch, wenn es sich lohnen soll.

Wollen

Es ist paradox: Einerseits stellen wir eine Zunahme an Unverbundenheit fest, andererseits waren unsere Möglichkeiten, Verbundenheit mit dem eigenen und dem Wollen anderer herzustellen, noch nie so groß. Es wird immer schwieriger, so zu tun, als wisse man nicht, dass das eigene Wollen Konsequenzen für das Wollen anderer hat.

Die Welt ist transparenter geworden. Tagtäglich werden wir rund um die Uhr mit Informationen versorgt, welches Unternehmen, wo in welcher Weise in welchem Umfang gegen soziale und ökologische Standards verstoßen hat, welche Staaten die Menschenrechte mit Füßen treten, die Umwelt ausbeuten oder Kriege anzetteln. Jeden Tag können wir uns ein Bild machen, wie es um unsere Welt steht und wie wir dazu stehen – durch Fernsehen, Bücher, Internet, Telefonate, eigene Erlebnisse und Erzählungen anderer. Nie gab es eine größere Transparenz. Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte waren mehr Informationen zugänglich. Bis in den letzten Winkel der Welt, bis ins letzte Detail. Es ist schwieriger geworden, so zu tun, als ginge uns das nichts an. Überall hinterlassen wir unsere Spuren, versuchen diese zu verwischen oder andere dabei zu erwischen, wie sie sich auf leisen Sohlen davonstehlen. Der Druck steigt, und der Stein der Verbundenheit kommt ins Rollen.

Was bedeutet das für Unternehmer? Viele Unternehmen bekommen das zunehmend zu spüren. Die Zeiten, in denen sie sich darauf berufen konnten, ihre soziale Verantwortung bestünde darin, Gewinne zu machen, neigen sich dem Ende zu. Gewinne machen, ja. Gute Gewinne machen, ja klar. Aber mit guten Mitteln und guten Folgen. „Do no harm!“ Machen Sie, was Sie wollen, solange Sie dabei keinen Schaden anrichten:

  • Überprüfen Sie Ihre Lieferanten, ob diese nach sozialen und ökologischen Standards arbeiten, führen Sie regelmäßige Kontrollen durch, übernehmen Sie Verantwortung für die Vergangenheit und die Zukunft Ihres unternehmerischen Handelns, schauen Sie genau hin, wo Ihr Fabrikzaun endet.
  • Wer heißen Kaffee vertreibt, sollte sich bewusst sein, dass er dafür haftbar gemacht werden könnte, wenn die Kunden sich den Mund verbrennen.
  • Wer Klebstoff vertreibt, sollte wissen, dass man damit nicht nur kleben, sondern diesen auch inhalieren kann.
  • Wer Räumfahrzeuge vertreibt, sollte nicht verwundert darüber sein, von Menschen im Gaza Streifen, deren Häuser geräumt wurden, verklagt zu werden.
  • Wer keine rechtsradikalen Kunden haben will, der sollte sich überlegen, wie er diesen den Spaß am eigenen Produkt vermiesen kann.
  • Wer seine Mitarbeiter mit Stasimethoden ausspioniert, der sollte sich nicht darüber ärgern, in millionenschwere Fernsehwerbung investieren zu müssen, um das ramponierte Image wieder aufzupolieren.

Was bedeutet das für Konsumenten? Viele Konsumenten spüren die veränderte Tragweite ihres Handelns ebenfalls. Wer bei Lidl oder Schlecker einkauft, der kann sich bewusst machen, in welcher Verbindung sein günstiger Einkauf mit dem Arbeitsbedingungen des Menschen steht, der ihn gerade abkassiert. Wer ständig größere Mengen Essen wegwirft, der muss plötzlich an den Film „We feed the world“ denken. Wer bis vor Kurzem noch den Bio-Boom als Marketingtrick abgetan hat, wird, spätestens nachdem er den prämierten Dokumentarfilm „Unser täglich Brot“ gesehen hat, zweimal überlegen müssen, bevor er zu konventioneller Ware greift. Der Victoriasee ist weit weg, doch „Darwins Albtraum“ ganz nah, ungefähr einen Meter entfernt auf unserem Fernsehbildschirm. Da dürfte auch den Hartgesottenen klar werden, dass sich jeder Bissen Barsch aus den Anteilen Waffenhandel, Prostitution, Umweltverschmutzung und hungernden Menschen zusammensetzt. Na denn, guten Appetit!

Ob wir wirklich aufmerksamer und wachsamer geworden sind, ist kaum zu beurteilen, und ob diese Aufmerksamkeit in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wieder abnimmt, ebenfalls. In jedem Fall aber ist es nicht mehr so leicht, den eigenen Beitrag zu verdrängen. Wir erkennen zusehends, dass wir die Welt, in der wir leben, durch unser Tun oder Unterlassen miterzeugen. Wir werden uns der Tragweite unseres Handelns immer stärker bewusst. Und das hat Folgen: Die Reichweite unserer Verantwortung hat sich erhöht. Das Ende der isolierten Betrachtung scheint eingeläutet.

Gut gemeint, gut gemacht, mit gutem Ergebnis, ist das, was heute zählt, und in Zukunft – Rückschläge eingeschlossen – zählen wird. Gutes Geld zu verdienen und großzügig zu spenden, reicht nicht mehr, wenn dieses Geld auf dem schmalen Rücken Wehrloser erwirtschaftet wurde. Nur das Beste gewollt zu haben, ist ein bisschen wenig, wenn die Verfahren zur Umsetzung den eigentlichen Zweck zunichtemachen. Nicht mehr alleine das, was am hinten rauskommt, ist das Maß aller Dinge. Nicht dass, was auf dem Teller liegt oder sich an den Körper schmiegt, sondern das, was dazu nötig war, wird darüber entscheiden, ob wir es verantworten können. Nicht alleine die Mittel, die den Zweck heiligen, oder die gut gemeinte Absicht sind der Gradmesser verantwortungsbewussten Handelns, sondern Verantwortung von Anfang bis Ende, vom Zweck über die Mittel bis zu den Folgen.

Wer Verbundenheit anstrebt, der weiß, was er will, und ob ihm das, was er will, gefällt, weil es mit dem Wollen anderen vereinbar ist. Das verändert die Perspektive: Die Kriterien, die wir unserem Handeln oder Nicht-Handeln zugrunde legen, sollten für deren Zwecke, Mittel und Folgen in gleicher Weise gelten können:

  • Wir können anfangen, den Zweck unseres Handelns, die dafür eingesetzten Mittel und die möglichen Folgen zu hinterfragen.
  • Wir können nach dem suchen, was sich miteinander vereinbaren lässt, und nach dem, was dem, was wir wollen, widerspricht.
  • Wir können auf die Möglichkeiten schauen, die wir haben, und auf die Risiken für uns selbst und andere.
  • Wir können uns ernsthaft Gedanken machen, wo die eigene Verantwortung beginnt, wo sie aufhört, und was wir dafür tun wollen, ihr gerecht zu werden.

Wer sich auf die Suche nach Verantwortung macht, der sollte die Reise bei sich selbst beginnen. Wer schon daran scheitert, sein eigenes kommunikatives Verhalten zu verantworten, der ist als Mitreisender zum „Ort der Verantwortung“ denkbar ungeeignet. Wer sich sein Urteil bereits gebildet hat, ohne andere Meinungen auch nur in Erwägung zu ziehen, der kann gleich zu Hause bleiben und dort alleine nachdenken. Für diejenigen aber, die lieber selber nachdenken als gemeinsam mit anderen, haben wir zehn Fragen zusammengestellt, die auf unsere Suche nach Verantwortung auf Antworten warten:

  1. Wer trägt aus Ihrer Sicht die Verantwortung für die weltweite Finanzkrise, die seit Herbst 2008 die Märkte und den Glauben in diese erschüttert hat (und deren Ende – zumindest beim Schreiben dieser Zeilen – noch nicht absehbar ist)?
  2. Teilen Sie die Ansicht von Menschenrechtsaktivisten, dass der US-Konzern Caterpillar eine Mitverantwortung trägt, wenn beim Einsatz von Caterpillar-Räumfahrzeugen im Gazastreifen Zivilisten zu Tode kommen?
  3. Halten Sie es für verantwortungslos, wenn Investmentbanker auf vertraglich zugesicherten Bonuszahlungen beharren, obwohl sie nachweislich mit zweitklassigen Hypothekendarlehen gehandelt haben?
  4. Halten Sie es für verantwortungslos, wenn gut bezahlte Vorstände Mitarbeiter entlassen, ohne in Erwägung zu ziehen, selbst auf Gehalt zu verzichten, um die Weiterbeschäftigung von Mitarbeitern zu sichern?
  5. Ist es verantwortungsloser ein Land zu bereisen oder diesem fern zu bleiben, wenn dort Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind?
  6. Wie bewerten Sie die Aussage des Radprofis Jan Ulrich: „Ich habe niemanden betrogen.“? Und wie die Äußerungen von Ludger Beerbaum, dem erfolgreichsten deutschen Springreiter der letzten 20 Jahre, er habe sich „im Laufe der Jahre darin eingerichtet, auszuschöpfen, was geht“. In der Vergangenheit habe er die Haltung gehabt: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird.“?
  7. Halten Sie es für eine „sozial verantwortungslose Äußerung, die einer geistigen Brandstiftung nahe kommt“, wenn der amtierende Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin, Hartz IV-Empfänger der Energieverschwendung bezichtigt: „Hartz-IV-Empfänger sind erstens mehr zu Hause; zweitens haben sie es gerne warm, und drittens regulieren viele die Temperatur mit dem Fenster.“?
  8. Wie bewerten Sie die Aussage von Donald Rumsfeld im Zuge der Aufdeckung von systematischen Folter- und Misshandlungspraktiken in Abu Ghraib, er übernehme die volle Verantwortung, bleibe aber im Amt?
  9. Wer ist verantwortlich für die „Zwei-Klassen-Medizin“? Die Privatpatienten, die das Privileg in Anspruch nehmen, trotz vollen Wartezimmers vorne Platz zu nehmen, die Herren und Frauen Ärzte, die das Privileg einräumen, die Politik, die es soweit hat kommen lassen oder die Kassenpatienten, die sich kein Bild davon machen, was ihre medizinische Versorgung überhaupt kostet?
  10. Wann wurden Sie selbst letztmalig der Verantwortungslosigkeit bezichtigt? Zu Recht? Wann haben Sie letztmalig jemand anderem verantwortungsbewusstes Verhalten bescheinigt?

Glauben Sie, dass man auch zu anderen vernünftigen Antworten als Sie auf obige Fragen kommen könnte? Falls nicht, wollen wir Sie nicht noch einmal auf die Vorzüge des gemeinsamen Nachdenkens hinweisen. Wenn Sie aber auch nur den leisesten Zweifel hegen, erlauben wir uns, Sie dazu zu ermuntern, eine der Fragen mit anderen Menschen zu diskutieren.

Wenn also auf dem nächsten Stehempfang, beim Mittagessen mit Kollegen, beim privaten Abendessen oder in Ihrer Stammkneipe Langeweile droht, können Sie gerne auf eine der zehn Fragen zurückgreifen, um ein wenig Schwung in die Bude zu bringen. Solange Sie nicht ohnehin als politischer Agitator berüchtigt und bereit sind, die Ergebnisse Ihres Nachdenkens zunächst zurückzuhalten, dürften Sie sich gemeinsam mit Ihren mitdenkenden Mitmenschen mit Siebenmeilenstiefeln in Richtung „Ort der Verantwortung“ bewegen. Falls Sie darüber hinaus noch die Gabe besitzen, im richtigen Moment das Thema zu wechseln, bevor sich die Raumtemperatur vor lauter erhitzten Gemütern in schwindelerregende Verantwortungshöhen schraubt, dürfte weiteren Runden des gemeinsamen Nachdenkens nichts im Wege stehen.

Gegenseitiges Verstehen heißt auch, miteinander schweigen zu können und im richtigen Moment gemeinsam die Klappe zu halten.

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