Man darf es wohl als Revolution bezeichnen, was sich da in den vergangenen Jahrzehnten ereignet hat: die Vergesellschaftung des menschlichen Körpers und, im Gegenzug, die Privatisierung der Moral. Es gibt ein untrügliches Indiz dafür, daß dieser Umsturz der Verhältnisse tatsächlich stattgefunden hat, nämlich die Verlagerung des Schamgefühls vom Körper auf die moralischen Grundsätze, von denen sich unsereins jeweils leiten läßt.

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Ich habe bei mancher Gelegenheit Gegenwart des Geistes und Kaltblütigkeit als Haupterfordernisse zu allen Geschäften und Verrichtungen im menschlichen Leben empfohlen … Halte Dich daher nicht mit Geschwätzen auf, wo es Not ist, zu handeln! Unterdrücke Dein zu zartes Gefühl, und winsele nicht, wo Du zugreifen solltest!“

Über den Umgang mit Menschen, II, 12, 1

Privatisierung der Moral

Wurden früher aus Schamhaftigkeit die meisten Körperregionen die meiste Zeit züchtig bedeckt (in den sechziger Jahren gehörte noch das Knie dazu), während die moralischen oder politischen Einstellungen durchaus eine Zurschaustellung vertrugen, so schützt man heute aus einer Art Bekenntnisfurcht die eigene Moral ängstlich vor dem grellen Licht der Öffentlichkeit, während der Körper sich nicht länger zu zieren braucht.

Diese Entwicklung folgt einer bekannten Logik: Sobald etwas zur Privatsache erklärt und als Privatsache gehandhabt wird (wie zum Beispiel das Einkommen), zieht es sich hinter die Bannmeile des Peinlichen zurück. Die Privatisierung der Moral nahm ihren Anfang, als die Achtundsechziger sich jede Einmischung von Autoritäten und Instanzen in den individuellen Lebensentwurf verbaten; sie wurde zum Dogma, als die Gesellschaft – widerwillig zunächst, dann immer williger – das Nichteinmischungsgebot übernahm. Seither registriert eine erstaunte Öffentlichkeit den Verfall der Zivilcourage. Das heißt, unmoralische Verhaltensweisen, deren Ahndung nicht in die Zuständigkeit der Politischen Korrektheit fällt, treffen allenfalls noch auf stillschweigende, eben private Ablehnung, können sich aber den öffentlichen Raum ungehindert erobern, weil der Bürger Hemmungen hat, ihn zu verteidigen. Die moralische Zuständigkeit ist nun sauber aufgeteilt: Für die Gesinnung ist die Politische Korrektheit zuständig, für den öffentlichen Raum die Polizei, und wenn beide gerade nicht zur Stelle sind, niemand.

Leben wir in feigen Zeiten?

Dabei würde es in vielen Fällen gar keiner Courage bedürfen. Da verprügeln drei Jugendliche des nachts auf dem S-Bahnhof einer deutschen Großstadt einen jungen Mann, demolieren das Fahrrad, das er dabei hat, und werfen es auf die Schienen, während die übrigen Wartenden zu- bzw. wegschauen. Die drei lassen von ihm ab, und weil er selbst kein Handy hat, bittet der junge Mann die Wartenden der Reihe nach, die Polizei zu rufen. Alle weigern sich. Schließlich findet er auf der Straße vor dem Bahnhof einen Taxifahrer und bittet den um Hilfe. Und auch der weigert sich. Wie könnte man ein solches Verhalten nennen? Feigheit? Aber setzt Feigheit nicht eine reale Gefahr voraus? Was ist es dann?

Waren die Barmherzigen immer in der Minderheit?

Vielleicht doch eine altbekannte menschliche, allzu menschliche Verhaltensweise? Erinnern wir uns – in der Bibel, im Neuen Testament, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Da geschieht Ähnliches: Ein Reisender fällt unter die Räuber und bleibt verletzt am Straßenrand liegen. Nacheinander kommen zwei andere Reisende des Weges und gehen achtlos vorbei, und erst der dritte, der Samariter, nimmt sich des Verletzten an. Nun bitte – so sind sie eben, so sind wir seit jeher, könnte man sagen, und Psychologen hätten keine Schwierigkeit, uns dieses Verhalten zu erklären. Von „Präsenzvorbehalt“ würden sie sprechen und damit meinen: Sobald wir auf die Straße treten, verhalten wir uns so, als könnten wir auch gerade ganz woanders sein; und so wie wir verwandeln sich im öffentlichen Raum auch all jene, denen wir begegnen, in Schattenwesen. Anders wäre es, wenn wir im Menschengewühl auf einen Nachbarn treffen würden – den kennen wir, der trägt für uns persönliche Züge, in den könnten wir uns zur Not hineinversetzen. Aber in Fremde nicht. Und wer verlangt, wir sollten uns für diese Schattenwesen im Ernstfall zuständig fühlen, der mutet uns eben Unmögliches zu.

Was geht uns etwas an?

Aber so einfach ist es nicht. Denn selbst dort, wo wir nicht zuständig sind, können wir trotzdem verantwortlich sein. Diese Verantwortung spürt, glaube ich, ein jeder – etwa dann, wenn die Frau im Fischgeschäft eine antisemitische Bemerkung gemacht hat, die im Verkaufsgespräch dann irgendwie unterging, und wir uns Wochen, vielleicht Jahre später noch vorwerfen, damals, in diesem Augenblick, den Mund gehalten zu haben, obwohl uns der passende Kommentar durch den Kopf geschossen war. Zuständig oder nicht – die eigene Feigheit wurmt, weil wir uns in derartigen Situationen plötzlich doch verantwortlich fühlen. Nur – wovor hatten wir eigentlich Angst? Und warum haben wir später, als jemand in der Straßenbahn lautstark über Ausländer herzog, wieder zu denen gehört, die sich still über den Kerl geärgert und, wie alle anderen, angestrengt aus dem Fenster geschaut haben?

Gut, haben wir vielleicht nicht. Vielleicht haben wir, als einziger, dem Krawallmacher Einhalt geboten – und danach womöglich dieselbe Erfahrung gemacht wie ich bei eben dieser Gelegenheit: Diejenigen, die zuvor schon angestrengt aus dem Fenster geschaut hatten, schauten, nachdem der Pöbler verstummt war, weiterhin angestrengt hinaus. Was hatte ich erwartet? Daß mich der eine oder andere solidarische Blick treffen würde, nachdem ich eingeschritten war? Daß dieser oder jener wenigstens stumm seine Zustimmung signalisieren würde? Ja, dergleichen, das gebe ich zu. Und ich gestehe, daß mich diese unerschütterliche Gleichgültigkeit, diese stur durchgezogene Demonstration eisigen Unbeteiligtseins im nachhinein mehr verärgert hat als der Vorfall selbst. Aber sie hat mir auch die Augen geöffnet für das Beängstigende, das uns auch da zu Feiglingen machen kann, wo keinerlei Gefahr für Leib und Leben droht: das Risiko, völlig allein dazustehen.

Wer sich einmischt bleibt ohne Feuerschutz

Damit müssen wir rechnen, wenn wir den Mund aufmachen und womöglich eingreifen sollten: daß wir keinerlei Rückendeckung erhalten und nur für uns sprechen werden und die Folgen allein auszubaden haben – ganz egal, wie viele sonst noch unserer Meinung sein mögen. Und dabei wäre den Gaffern und Wegschauern aus ihrer Gleichgültigkeit noch nicht einmal ein Vorwurf zu machen, denn etwas Ungeheuerliches wird ihnen abverlangt: Sich zu etwas zu bekennen, das sie bis gerade eben noch für ihre Privatsache gehalten haben! Gewissermaßen Einblick zu gewähren in ihr Allerheiligstes, nämlich ihren Glauben, ihre Moral, ihre Überzeugungen. Die Privatisierung der Moral hat deren Einsatz auf einen strikt privaten Anwendungsbereich begrenzt, und so schnell können die wenigsten umschalten – ganz zu schweigen von der Zumutung, sich derart zu entblößen und sich öffentlich zu seinen Grundsätzen zu bekennen! Mit demselben Erfolg hätte man vor einem halben Jahrhundert jemanden aufgefordert, sich vor den Augen anderer bis auf die Haut zu entkleiden.

1. Zivilcourage beginnt im Kleinen

Und deshalb war der Werbefilm, der eine zeitlang in unseren Kinos lief, wohl gut gemeint, aber irreführend: Da drangsalierten in einem vollbesetzten Bus zwei Skinheads einen Ausländer, woraufhin sich alle Fahrgäste erhoben, um die beiden Angreifer an der nächsten Haltestelle hinauszudrängen. Ich kann nur raten, in solchen Fällen nicht auf nennenswerte Unterstützung zu hoffen – und sich, in denkbar harmlosen Situationen, doch einmal selbst zu testen. Eine Gelegenheit dazu könnte sich zum Beispiel im Supermarkt ergeben; nehmen wir an, dort wären in der Obstabteilung fünf Äpfel auf den Boden gerollt. Fahren wir mit unserem Einkaufswagen im Slalom drumherum? Oder bücken wir uns, um sie aufzuheben? Die meisten dürften sich wohl nicht bücken, und hätten dafür die bekannten Gründe: Man ist nicht zuständig, könnte Aufmerksamkeit erregen und beobachtet und für einen Sonderling mit einem Verantwortungstick gehalten werden – kurzum: Obwohl weit und breit kein Skinhead in Sicht ist, würden sich viele nicht einmal jetzt zu Grundsätzen bekennen, deren Gültigkeit sie im Privatleben kaum bezweifeln würden.

2. Zivilcourage in unverfänglichen Situationen üben

Üben wir in solchen und ähnlich unverfänglichen Situationen, aus der Zuschauergesellschaft auszubrechen, wenn wir nicht versagen wollen, wenn’s drauf ankommt. Erweitern wir unseren Zuständigkeitsbereich, stellen wir das Fahrrad des Nachbarn im Fahrradkeller auf, wenn es umgekippt ist, schaffen wir den Ziegel vom Zebrastreifen, den ein Lkw verloren hat, bieten wir dem Ausländer unsere Hilfe an, der an einer Straßenkreuzung den Stadtplan studiert, helfen wir dem alten Mann wieder auf die Beine, den ein Schwächeanfall umgeworfen hat, selbst wenn wir dafür die Straßenseite wechseln müssen. Und – gehen wir auf Distanz zum Geist der Zeit! Machen wir uns klar, daß die grassierende Bekenntnisfurcht uns moralisch entmündigt! Schauen wir nicht schon deshalb weg, weil wir sonst womöglich in die Verlegenheit kämen, für zwei Minuten ein Vorbild zu sein. Und rücken wir mit Zivilcourage dem eigenen Irrtum zu Leibe, wenn wir bisher geglaubt haben, daß Moral Privatsache sei. Nicht ausgeschlossen, daß wir dann im Ernstfall tatsächlich unerwartete Unterstützung erfahren.

3. Die Helden feiern

So ging es jedenfalls meinem Bruder eines Tages in einem Berliner Bus. Es war in der Hauptverkehrszeit, alle Sitzplätze waren besetzt, und als eine schwangere Afrikanerin zustieg, rührte sich niemand vom Fleck. „Will hier wirklich niemand einer Schwangeren seinen Platz anbieten?“ sagte mein Bruder laut genug, daß es jeder mitbekommen mußte. Worauf einer der Fahrgäste entgegnete: „Die soll doch froh sein, daß sie ihre Brut in unserem Land austragen darf.“ Nun, es kam zum Wortgefecht, und für einen Moment sah es so aus, als ob wieder einmal alle fest entschlossen wären, die Unbeteiligten zu spielen – da trat der Fahrer auf die Bremse, brachte den Bus auf freier Strecke zum Stehen, öffnete die Tür und warf den Menschen, der das gesagt hatte, eigenhändig hinaus.

Zivilcourage, Bürgermut. Man muß sich nicht alles gefallen lassen. Oft reicht es, den Mund aufzumachen, und in vielen Fällen hilft reden. Bei Leuten, die sich provoziert fühlen oder selbst provozieren, sollte man nicht denselben Ton anschlagen wie sie, es sei denn, man hat den sicheren Eindruck, mit Einschüchterung etwas zu erreichen. Normalerweise ist es ratsam, vernünftig und in Zimmerlautstärke mit ihnen zu reden, nicht übertrieben freundlich, aber auch nicht zu kühl, zu souverän, weil das überheblich und damit provozierend wirken könnte. Man sollte dabei der Aufgeregtheit des anderen zunächst nicht jede Berechtigung absprechen, sich aber auch nicht darauf einlassen, und im übrigen Interesse zeigen, ernst nehmen, nicht gleich abwiegeln, sondern auf ihn eingehen und durchblicken lassen, daß man ihn als ebenbürtig anerkennt – schließlich geht es oft um Ehre, um verletzte Ehre, und damit ist nicht zu spaßen. Im weiteren Gespräch sollte man dann versuchen, ihn abzulenken und durch Fragen aus dem Konzept zu bringen. In jedem Fall ist es klug, auch den aufgebrachtesten Typen als vernunftbegabtes Wesen gelten zu lassen.

4. Provokationen abtropfen lassen

Wird man selbst angegriffen, beleidigt, provoziert, ist gespielte Kälte meist das beste Gegenmittel. Also einen ungläubigen Blick aufsetzen und ihn so bald nicht wieder abwenden, als wollte man fragen: Meinen Sie das ernst? Abtropfen lassen – und sich klar machen, daß man nicht persönlich gemeint ist, daß man bloß als Blitzableiter dient. Einigen von uns wird das helfen, ruhig zu bleiben – andere allerdings erbost es um so mehr, wenn sie merken, daß sie nicht als Person, sondern als Vertreter einer Gattung (Fahrer einer bestimmten Automarke, Deutscher im Ausland etc.) wahrgenommen werden. Aber auch denen kann ich nur raten, nicht sofort, nicht spontan zu reagieren, den anderen fest anzusehen und sich derweil zu fragen, ob die Angelegenheit überhaupt der Rede wert ist, ob eine Entgegnung wirklich lohnt. Ein langer Blick kann Wunder wirken und den anderen so irritieren, daß er den Ton wechselt und zu einem zivilisierteren Umgang zurückkehrt.

5. Es sich mit der schweigenden Mehrheit verderben

Was uns aber, wie ich befürchte, mehr einzuschüchtern vermag als jeder Skinhead ist die bedrohlich schweigende Mehrheit der alles tolerierenden Liberalen, die gewohnt ist, ihre Prinzipien auf Großdemonstrationen zur Schau zu stellen und sie im übrigen an die Polizei und die Tabuwächter der Politischen Korrektheit zu delegieren. Mit denen müßte man es sich verderben, soll die Zivilcourage nicht gänzlich aus der Mode kommen. Davon hängt nicht zuletzt die Zukunft der Demokratie ab. Die ist nämlich auf Bürger angewiesen, die nicht davor zurückschrecken, sich auch im Alltag als Menschen mit Prinzipien zu erkennen zu geben.

Moritz Knigge sagt: „Die schweigende Mehrheit gibt uns das Gefühl, daß Anderssein unanständig sei – laß dich davon nicht beeindrucken! Gehe das Risiko ein, vorbildlich zu handeln! Zivilcourage bedeutet, sich beherzt auf die Seite von Menschen zu schlagen, denen unrecht geschieht – auch da, wo wir nicht zuständig sind.“

Share This