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Unterwegs | Im Zug knigge fernverkehr

Im Zug

Der Schriftsteller Walter Benjamin fühlte sich beim Zugfahren „für ein paar Stunden in das vorüber fliegende Land wie in einen wehenden Schal gekuschelt“. Wenn die Menschen mit denen ich spreche, dann fühlen sie sich nicht eingekuschelt, sondern denken an: Volle Abteile, Verspätungen, technische Defekte und drängelnde Mitreisende. 

Mein Reise-Knigge für entspanntes Zugfahren

Ich fahre viel Zug. Fast immer, wenn ich zu meinen Vorträgen, Seminaren und Knigge-Kursen fahren. Ich mag es, Zug zu fahren. Man lernt Land und Leute kennen. Manchmal bin auch ich genervt, klar. Aber das bin ich bei verspäteten Flügen und endlosen Staus auch. Als erfahrender Zugfahrer bin ich so frei, meine Erfahrungen für ein entspanntes Fahren mit dem Zu zu teilen.

1. Gut vorbereiten

Wer sich Stress ersparen will, der sollte bereits im Vorfeld seiner Reise die eine oder andere Stress reduzierende Strategie ergreifen! Die Digitalisierung macht es möglich.

  • Drucken Sie sich Ihr Ticket und die dazugehörige Reservierung zu Hause am Drucker aus. So vermeiden Sie Terminhatz und lange Schlangen am Reisetag! Oder laden Sie sich das Online-Ticket direkt in Ihre App. Wer  kurz vor Fahrtbeginn online eincheckt, wird registriert und kann durchschlafen, ohne dass ihm ein Zugbegleiter vorsichtig auf die Schulter tippt.
  • Platzieren Sie sich auf dem Bahnsteig so, dass Sie nicht durch den gesamten Zug laufen müssen, um Ihren Platz einzunehmen. Da Sie ja ohnehin (siehe oben) reserviert haben, hilft der Blick auf die auf jedem Bahnsteig existierenden Wagenstandsanzeiger, die Ihnen angeben, in welchem Abschnitt der Wagen hält. Für sportliche Aktivitäten gibt es andere, besser geeignete Orte!

2. Locker bleiben an der Bahnsteigkante

„Mir fällt immer wieder auf, dass bereits am Bahnsteig, wenn der Zug einrollt, ein hektisches Verhalten der Reisenden eintritt. Alle versuchen, sich vor den Eingangstüren so zu positionieren, dass sie die Ersten sind. Ist der Zug erst einmal eingefahren, werden die, die aussteigen wollen, blockiert bzw. wieder mit in den Zug gedrängt, weil die ganz Ungeduldigen bereits rein stürmen. Und schon kommt es zu den ersten ‚Nettigkeiten’. Wie auch immer: eine unnötige Stresssituation für alle.“  So sagte eine gute Freundin zu mir als ich sie um ihre Erfahrung als Zugreisende bat. Eine gewisse Hektik ist nachvollziehbar, wenn man keine Sitzplatzreservierung hat, weil es bei weiteren Reisen zu Stoßzeiten einfach schön ist, zu sitzen. Und eine gute Startposition die Chancen auf einen  Sitzplatz signifikant erhöht. Aber zum Preis des Verlustes der guten Kinderstube? Wäre mir zu hoch, dann lieber in Würde stehen als geifernd mit Schaum vorm Mund Sitzen.

3. Ist hier noch frei?

Auch wenn ein Platz offensichtlich noch frei ist, frage ich, ob der Platz noch frei ist. Das ist ein gelungener Einstieg in die Kommunikation. Wer fragt bereitet das Feld für Wertschätzung, auch wenn sich diese in der Begrüßung und der späteren Verabschiedung erschöpft. Denn Nebeneinandersitzen heisst nicht: Recht auf Unterhaltung. Weil Sie oder Ihr gegenüber sich lieber in die mitgebrachte Lektüre vertiefen wollen, als sich zu unterhalten. Achten Sie auf entsprechende Signale. Wer immer wieder in Gesprächspausen zu seinem Buch greift oder die Augen schließt, scheint kein wirkliches Interesse an einer Unterhaltung zu haben.

4. Nicht ausbreiten

Mit Gepäck und Füße reserviert man keine Sitzplätze. Als Platzsuchender lasse ich mich nicht durch solche Revierabgrenzungen  abhalten, nach einem Sitzplatz zu fragen. Natürlich bleibe ich höflich, und verzichte auf Maßregelungen, aber Gepäck in Ablagen und Füße auf dem Boden finde ich sympathischer.

5. Wenn der reservierte Platz besetzt ist

Mit der Gelassenheit derjenigen, die einen Sitzplatz reserviert haben und locker lässig zu ihrem Sitzplatz schlendern, ist es spätestens vorbei, wenn ein ‚Eindringling’ es sich bereits auf dem reservierten Sitzplatz gemütlich gemacht hat. Dann schlägt die Gelassenheit der ‚Reservierten’ schnell in Reserviertheit um! Insbesondere dann, wenn der ‚Platzdieb’ auch noch schläft oder sich schlafend stellt. Was mache ich da? Wie wecke ich dann den Burschen? Stupse ich ihn leicht an? Erhebe ich meine Stimme, oder wende ich mich sofort an den Schaffner? (Der ja mittlerweile Zugbegleiter heißt.) Der Konflikt ist jedenfalls vorprogrammiert! Es sei denn, man geht nicht sofort in den Martial-Arts-Modus: „Aufstehen, das ist mein Platz!“ Man sieht dann als stiller Beobachter, wie sich der Angesprochene noch tiefer in den Sitz drückt. Ich selbst atme dreimal tief durch und sage dann freundlich: „Entschuldigen Sie, kann es sein, dass sie auf dem Platz sitzen, den ich reserviert habe?“  Damit habe ich sehr gute Erfahrung gemacht. Weil Freundlichkeit die eigenen Möglichkeiten erweitert. 

6. Wohin mit dem Gepäck?

Auf keinen Fall im Gang. Sondern über dem Sitzplatz oder in den dafür vorgesehenen Ablagen für das größere Gepäck. Wenn Sie schweres Gepäck haben und selbst Rücken, dann helfen aufmerksame Mitreisende, die von sich aus Hilfe anbieten oder für Ihre Bitte empfänglich sind. Und das sind 99,9% nach meiner Erfahrung. Ich komme sogar auf eine 100%-Quote, habe ich es doch nie erlebt, dass jemand diese Bitte abgeschlagen hätte.

7. Aus dem Gang treten

Hat man sein Gepäck über seinem Sitzplatz verstaut, dann heisst es erst mal aus dem Gang treten und die Wartenden vorbei lassen. Tatsächlich beobachte ich es immer wieder, dass viele Reisende sich nun daran machen, Ihr Gepäck zu öffnen, um Essen, Trinken, Zeitschriften, Kopfhörer, Kindle oder sonstiges zeitaufwendig im Gang heraus kramen, während hinter ihnen dem einen oder anderen ordentlich der Kamm schwillt. Wir haben hinten keine Augen und sollten daher in den Rückspiegel schauen, hat meine alte Religionslehrerin gesagt und Recht behalten.

8. Wer nett ist, hilft sich und anderen

Nach einer Umfrage geben über 80 Prozent der Reisenden ihren professionellen Begleitern (früher Schaffner genannt) Bestnoten.  Noch um einiges von der kuscheligen Zugfahrt Walter Benjamins entfernt, aber doch auf dem richtigen Weg.  Was auch der Transformation der Schaffnerinnen und Schaffner zu Zuggleitern liegt, wie es neulich in der brandeins hiess: „Als Schaffner noch Schaffner hießen, hielten sie ihre Knipszangen fast immer wie Schreckschusspistolen und hatten mindestens genauso oft schlechte Laune. Die Zange tragen sie nun oft im Holster, dafür Tabletts mit Kaffee zu den Fahrgästen. Ihre Laune hat sich in fast beängstigendem Ausmaß verbessert.“ Gute Laune in beängstigendem Ausmaß finde ich gut! Die Maxime der Zugbegleiter habe ich mir zum Vorbild genommen: „Eigentlich ist es ganz einfach: Wer nett ist, hilft dem Fahrgast uns sich selbst!“

9. Im Bistro

Überfüllte Abteile? Keine Reservierung? Hunger? Durst? Alles drei? Als Faustregel gilt: Halten Sie sich nicht über eine Stunde an Ihrem Getränk fest. Selbst bei geduldigem Servicepersonal sollte man es tunlichst vermeiden, auf seiner Fahrt von Hamburg nach München mit seiner kurz nach Harburg bestellten, inzwischen schalen und warmen Cola bis zum Münchner Hauptbahnhof durchzuhalten.

10. Hinterlassen Sie den Raum so, wie sie ihn vorfinden möchten

Die hygienischen Zustände auf manchen Zugtoiletten lassen einen schon erstaunen. Wie macht man das? Frage ich mich oft. Und wenn es ganz arg ist, dann gehe ich zu den Zugbegleitern und weise sie darauf hin, dass jemand den Raum so verlassen hat, wie ich ihn nicht vorfinden möchte.

 

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