Ich glaube nicht an den Verfall der Sitten. Die meisten Menschen wissen nämlich sehr gut, was man tun und lassen sollte. Vor allen Dingen, was die anderen so zu tun und lassen haben. 

Machen ist wie Wollen, nur krasser

Obwohl wir wissen, dass wir alle Etikette in die Wind schlagen sollten, um anderen eine Peinlichkeit ersparen,
dass es es keine Regel gibt, wie man eine Weißwurst zu essen hat, solange wir nicht gegen sie verstoßen.
dass wir auf dem Oktoberfest auf den Bänken aber niemals aus den Tischen tanzen dürfen.
dass Chinesen zweimal zur Welt kommen. Einmal bei ihrer Geburt. Einmal beim Druck ihrer Visitenkarte.
dass kopfschüttelnde Inder uns zustimmen.
dass wir in Düsseldorf Helau nicht Alaaf rufen und kein Kölsch sondern Alt bestellen.
“Beurteile die Menschen nicht nach dem, was sie sagen, sondern nach dem, was sie tun.” Adolph Freiherr Knigge, Über den Umgang mit Menschen, Teil 1, 58
Obwohl wir wissen, dass wir in zerrissenen Jeans durch New York laufen können, aber nicht zum Bewerbungsgespräch.
dass wir Freiherren mit Baron anreden.
dass man Hände nur in geschlossenen Räumen und auf Bahnsteigen küsst.
dass wir uns wieder GESUNDHEIT wünschen dürfen.
dass man sich nur bis zum 15. Januar ein “Frohes neues Jahr” wünscht.
dass die Serviette auf den Schoss gehört.
dass Eigenlob stinkt,
wünschen sich 9 von 10 von und mehr Höflichkeit & Respekt!
Das stimmt doch was nicht. 

War früher alles besser?

Seit Jahrtausenden beschweren sich die Menschen darüber, wie rüpelhaft sie sind. Seit Adam und Eva machen wir uns kluge Gedanken, was geht und was gar nicht geht. Und was geht? Kain erschlägt Abel, Platon beschwert sich über die ungezogene Jugend und Seneca verzweifelte am Feuerteufel Nero. Messer, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht. Brennt aber so schön, dieses Rom. Tatata! Der erste Untergang der Abendlandes.
 

Der nächste Untergang des Abendlandes?

Der 2018 steht nun bevor und Axel Hacke auf der Bestsellerliste mit seinem Buch: “Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen sollten.”  Auch ich reise ja landauf und landab, rede mir den Mund fusselig, schreibe mir die Finger wund, führe wunderbare Gespräche über den Umgang mit Menschen und habe täglich drei Google-Alerts mit neuen Knigges in meinem Postfach. Heute den Sneaker-Knigge, den Wald-und Flur-Knigge und Schulknigge des Gesamtschule Ahrweiler. Doch Festplatten sind geduldig und Menschen bequem. Wir wissen ganz genau, was wir tun und lassen sollten, machen aber oft und gerne das Gegenteil. 

Zuvorkommenheit bedeutet Anzufangen 

Zuvorkommenheit ist ein so schönes altmodisches Wort, dass ich manchmal seine eigentliche Bedeutung vergesse: Seinen Mitmenschen  zuvorkommen. Ihnen zur Seite springen bevor sie selbst zum Sprung ansetzen. Gefallenes Wechselgeld aufheben, Türen aufhalten, Getränke anbieten, den Vortritt lassen, in den Mantel helfen, zur Seite drehen, andere Autofahrer hinein winken, und was Ihnen sonst noch alles einfällt, um sich und anderen das Leben zu erleichtern. Anzufangen und in Vorleistung zu treten anstatt auf andere zu warten und die eigenen Erwartungen zu enttäuschen. Wünschen kann sich vieles, im eigenen Tun gehen Wünsche  in Erfüllung. Die Zuvorkommenheit schützt uns vor Enttäuschungen, weil sie Erwartungen da wirklich werden lässt, wo sie hingehören: bei uns selbst. Und wir werden erleben: Machen ist wirklich wie Wollen. Nur krasser! 
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